Gyde Callesen

Kaleidoskop

Synästhesie

Vertrauen ist eine lila Feder

„Vertrauen ist die lila Feder, die eben vorüber flog, von der niemand wusste, woher sie kam. Die vor deinen Füßen vom Wind zerzaust liegen blieb. Vertrauen ist der violette Schmetterling mit den gelben Punkten auf den Flügeln, die wie kleine Sonnen aussehen, der vor dir in der Luft tanzt, als gebe es kein Morgen. In der Schönheit eines Augenblickes liegt das Vertrauen, als Glaube an eine Zukunft, die gerade beginnt. Vertrauen ist der warme Boden unter den Füßen, sonnengewärmt, der trägt und daran erinnert, dass es mehr gibt als vorwärts gehen. Vertrauen riecht nach einer Freiheit, die Geborgenheit kennt. Nach der Weite des Ozeans und dem kleinen Weiher im Wald nebenan. Nach der stillen Freude, die kommt, wenn man nichts erwartet. Sie ist die innere Gemütlichkeit, in der man sich zurücklehnen kann und wo man gehalten wird. Sie duftet nach frischen Minzblättern und nach Frühling. Und findet sich wieder in dem gehissten Segel, als Fahrt in das Fremde. Die bunten Glasfenster, die sich so kühl anfühlen und dann unter den Händen ganz warm werden, sind das Vertrauen. Der Blick durch das Fernrohr ist Neugier, gewachsen in Vertrauen. Vertrauen ist eine Wand zum Anlehnen, die nie im Weg steht.“
(Gyde Callesen)

Synästhesie bedeutet die Vermischung der Sinne. Es ist eine spezifische neurologische Vernetzung, die allen Menschen angeboren ist, die jedoch bei den meisten Menschen nach einigen Lebenswochen sich auflöst. Bei manchen Menschen bleiben diese Vernetzungen erhalten, dies sind die Synästhetiker.
Bei Synästhetikern vermischen sich die Qualitäten bestimmter Sinne. Häufig ist das sog. coloured hearing, die Verknüpfung von Hören und Sehen. Kandinsky z.B. hörte, während er seine Bilder malte, Melodien dazu. Manche Pianisten sehen, während sie spielen, Farbmuster und Farbspiele, die ihnen zudem helfen, sich die Noten einzuprägen.
Alle Verknüpfungen sind möglich – Schmecken kann sich mit Sehen verbinden, Sehen mit Tasten. Viele Synästhetiker sehen Buchstaben, Zahlen oder Wochentage farbig. Das A ist dann vielleicht rot, das K grün. Bei jedem Synästhetiker sind diese Verbindungen jeweils anders, bei jedem einzelnen bleiben sie jedoch ein Leben lang gleich.
Gefühle werden zu Farbwelten, Geräusche oder Klänge erzeugen bunte Muster. Lange Zeit war dieses Thema wenig erforscht, erst seit wenigen Jahrzehnten gibt es Forschungen dazu. In der MHH in Hannover ist eines der Hauptforschungszentren zur Synästhesie. Hielten sich Menschen mit Synästhesie früher häufig für krank oder verrückt und sprachen daher kaum darüber, so rückt diese Form von Wahrnehmung langsam aus der Tabuzone heraus und wird bekannter.
Synästhetisch wahrzunehmen bedeutet einerseits eine besonders intensive Wahrnehmung von Welt zu haben, ist aber zugleich eine besondere Herausforderung sich nicht ständig von der Mannigfaltigkeit der Eindrücke überflutet zu fühlen. Untersuchungen und Erfahrungen zeigen, dass bestimmte Phänomene bei Synästhetikern gehäuft vorkommen. Dazu gehören Hochbegabung und erhöhte Kreativität ebenso wie Geräuschsensibilität oder Aufmerksamkeitsprobleme. Genauso wie bei der Hochsensibilität bedarf es bei Synästhetikern eines guten Selbstmanagements, um diese Eigenheit nicht verleugnen zu müssen, nicht von ihr überfordert zu werden und sie leben zu können.

Ich verwende in meinem Unterricht für Literarisches Schreiben eine synästhetische Methode, die ich entwickelt habe, um auch Nicht-Synästhetikern Zugang zu dieser Art der Wahrnehmung zu verschaffen und um so beim Schreiben den eigenen inneren Bilderschatz zu entdecken.
Außerdem arbeite ich an einem Buch, das Gefühle synästhetisch-poetisch ausdrückt, in dem sich auch Wort und Illustration synästhetisch verbinden.

Hier einige Buchempfehlungen zum Thema:

  • Welche Farbe hat der Montag? Synästhesie: das Leben mit verknüpften Sinnen von Hinderk M. Emrich, Udo Schneider, Markus Zedler
  • Wenn Töne Farben haben: Synästhesie in Wissenschaft und Kunst von John Harrison, A. Masselli

Hier einige Links zum Thema: