Gyde Callesen

Kaleidoskop

Skizzenblock

Hier sind aktuelle Gedichte, Essays und literarische Skizzen zu finden. Ein Einblick in die Schriftsteller-Werkstatt.

Im Leben Über Leben - Ein experimentelles Hörbuch (Ausschnitt)

 

... Leben, das ist suchen und wieder verlieren, ist Spuren finden und sich erinnern, über den Gedanken stolpern, was Leben ist und sich lachend an den Händen halten. Ist Atem, Atemrhythmus, Schritte, Tage, die Landkarte der Zeit durchschreiten und wieder vergessen, manchmal aufgeben, scheitern, fallen, der Leere begegnen, dem anderen Gesicht des Lebens, seinen vielen Gesichtern, allein mit dem Leben, einsam, Spuren, die verschwinden, kaum gegangen, Fragen nach Gerechtigkeit im Gezeitenwechsel, sich bücken und einen kleinen Kieselstein aufheben, er funkelt im Sonnenlicht, weil er nass ist, kann Träumen sein, Träumen von der Welt neben der Welt, unter der Welt und nicht einsam sein, sondern allein, sich halten, an den Händen halten, einander spüren, ohne zu verschmelzen.
Leben ist Sand, der durch die Hände rinnt, der immer woanders ist, kleine Steine, was wir sammeln, verschwindet morgen, wenn in Gräbern die Knochen der letzten Gedanken liegen und nur noch der Wind geht über die kleinen Steine und die Hoffnung, dass Leben immer neu anfängt, gehen auf dem Flickenteppich, Stück für Stück, scheinbar unpassend, zueinandergefügt, was wir wollten, darüber lachen die Sterne, und wir bücken uns nach einer blauen Blume am Wegrand, die einzige zwischen Steinen, ihre Wurzeln sind woanders, sich erinnern, wie es ist stehenzubleiben, das Gefühl, dass es nicht mehr weitergeht und die Stärke aufzuhören, bevor das Bild ein anderes Bild wird.
Farbschichten übereinander, Geschichten übereinandergewachsen, nur die oberste für ihre Augen, nur die oberste, nichts anderes, keine Ahnungen, Ahnungen nicht, Farbschichten übereinander in den Fluss gemalt, von der Quelle zur Mündung und gegen die Strömung, Leben kann schwimmen sein, ohne Grund, Kämpfen gegen die Strömung, mitgerissen werden und sich tragen lassen, vorbei an den alten Bäumen am Ufer, vorbei am Schilf, wo das Unerwartete wartet. Leben, die Zeit nehmen und beiseite legen und den Kompass auch, sich gehen lassen, in die Welt neben der Welt, unter der obersten Farbschicht, in Spuren tauchen und niemand sieht dich mehr, wenn du lebst, es ist der Geruch von frischem Gras und das Gefühl von nassen Füßen, vielleicht Tau, ist die Freiheit alles zu dürfen, loszulassen von dem obersten Bild und dem obersten Fluss, Spuren finden, früher waren wir da und anders, unsere eigenen Spuren, eigentümlich verwittert, das ist Staunen und zurückkehren, anknüpfen, weiterschöpfen und leben ...